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Mütter füttern ihre Babys unterschiedlich - Stillen in Irland und Finnland

Stillen regt zum Nachdenken an und ist sehr emotional. Heutzutage wird das Stillen als etwas sehr Intimes und Persönliches angesehen. Vielleicht empfindest du Glück und Erleichterung, vielleicht aber auch Schmerz und Kummer, wenn du daran denkst. Die Stillkultur hat sich im Laufe der Jahrzehnte von einer gemeinschaftlichen Erfahrung zu einer sehr privaten, heimlichen Tätigkeit gewandelt.

Da wir uns dem Ende des Stillmonats 2021 nähern, wollte ich einen eingehenderen Vergleich zwischen einem unserer größten Märkte, Irland und Finnland, anstellen. Die Probleme und die Ausgangssituationen unterscheiden sich sehr, was das Stillen in beiden Ländern betrifft. Oder? Wie wir im Laufe des vergangenen Monats herausgefunden haben, bringt das Stillen zahlreiche Vorteile für Mütter und Babys mit sich.

Doch trotz aller erwiesenen Vorteile sind einige Länder bei den weltweiten Stillinitiativen ins Hintertreffen geraten. Vergleichen wir einmal Irland und Finnland.

Finnland schneidet beim Stillen gut ab: Es steht an dritter Stelle der Länder der Europäischen Union beim erweiterten Stillen. Und der allgemeine Konsens ist, Mütter beim Stillen zu unterstützen (die es vielleicht sogar übertreiben). In Irland sieht es ganz anders aus. Auf einer Skala von "viel Stillen" bis "gar nicht" gibt es in der Republik fast nur noch "wenig gestillte Babys".

In irischen Geburtskliniken lag die Quote der Stillanfängerinnen 2019 bei 62,3% (4% mehr als 2016). In Finnland liegt sie bei 95%. Das bedeutet, dass vier von zehn Neugeborenen nicht gleich nach der Geburt an die Brust der Mutter angelegt werden. In Finnland hingegen werden nahezu alle Babys gestillt. Diese Statistik bereitet mir ein gewisses Unbehagen. Wenn man sagt, dass vier Babys nicht sofort gestillt werden, klingt das schlimmer, als wenn man sagt, dass sechs Babys gestillt werden.

Laut Zielvorgabe der WHO soll bis 2022 die Hälfte aller Säuglinge nach sechs Monaten gestillt werden. Nach den Statistiken von 2019 werden nur 13% der irischen Babys nach sechs Monaten gestillt. In Finnland ist die gleiche Zahl fast sechsmal so hoch (77%). Zum Vergleich: Der europäische Durchschnitt liegt bei 25% und der weltweite bei 38%.

Außerdem hängt der Beginn des Stillens vom sozioökonomischen Status ab: Im Nationalen Entbindungskrankenhaus liegt die Rate bei 78%, in Donegal bei 45%. Zwar gibt es auch in Finnland ein sozioökonomisches Gefälle, doch ist es längst nicht so groß. Bildung und Einkommen spielen ebenfalls eine große Rolle. Sie bedeuten einen besseren Zugang zu Informationen, mehr Selbstvertrauen bei der Entscheidung über das Stillen und oft auch Zugang zu privater Stillberatung, wenn diese benötigt wird. Und offen gesagt glaube ich, dass soziale Sicherheit eine Menge damit zu tun hat.

Eine kurze Geschichte des Stillens

Die Geschichte des Stillens spiegelt die Geschichte der Gesellschaft wider. Sie erzählt von Überzeugungen, Traditionen und Ansichten und ermöglicht es uns heute, auf der Grundlage jahrzehntelangen klinischen Wissens moderne Ratschläge zu erteilen. Wir wissen, dass Stillen aus verschiedenen Gründen sowohl für die Mutter als auch für das Kind gut ist.

Aus der Geschichte erfahren wir auch, warum einige Gesellschaften beim Stillen noch viel Nachholbedarf haben.

In den 1920er Jahren wurden in Finnland die ersten Geburts- und Kinderkliniken eröffnet. Etwa zur gleichen Zeit schrieb ein finnischer Kinderarzt ein Buch über Kinderkrankheiten und Ernährung, das schnell zu einem Standardwerk in jedem Haushalt wurde. Es enthielt Rezepte für selbstgemachte Milchersatzprodukte, die bis in die 1960er Jahre verwendet wurden. Der erste kommerzielle Muttermilchersatz kam 1948 auf den Markt, aber schon lange vorher, 1931, wurde in der Nähe des Kinderkrankenhauses in Helsinki ein Muttermilchzentrum eingerichtet: Frühgeborene und kranke Säuglinge erhielten Muttermilch, die von Müttern mit Milchüberschuss gekauft wurde. Heute erhalten fast 60% der finnischen Säuglinge im Krankenhaus Zusatzmilch. Obwohl dies eine hohe Zahl ist, handelt es sich fast ausschließlich um gespendete Milch.

Im Vergleich dazu wurde Neave's Food seit 1825 in Irland hergestellt, über 120 Jahre bevor Milchersatzprodukte in Finnland auf den Markt kamen. Das Unternehmen nutzte alle verfügbaren Marketinginstrumente: Empfehlungen von medizinischem Fachpersonal und Eltern und es behauptete sogar, dass es am russischen Kaiserhof verwendet wurde. Die meisten dieser Behauptungen waren äußerst ungenau und irreführend und würden heute vor Gericht definitiv keinen Bestand haben. Aber wir alle haben schon Werbung für verschiedene Produkte gesehen, die mit grenzwertigen Aussagen werben: Sie werden immer noch als von Kinderärzten empfohlen (Enfamil), garantieren eine gute Zukunft des Babys (Aptamil) oder werden als das Beste für kleine Bäuchlein angepriesen (Milupa).

1902 behauptete Horlicks, dass ein Kind, das mit ihrem Malzmilchpulver gefüttert wird, "gut schläft, gut wächst und außerordentlich gedeiht". 1903 erklärte eine Werbung für Grape-Nuts, dass das Leben eines Kindes, dessen Magen durch Kondensmilch ruiniert worden war, nur durch eine Zubereitung aus diesem Getreide gerettet werden konnte. Und St. Ivels-Käse soll 1911 einem erbrechenden, drei Monate alten Säugling das Leben gerettet haben, als es "nichts anderes bei sich behalten konnte“. In einer Anzeige aus dem Jahr 1919 wurde vorgeschlagen, Robinsons Gerstenwasser mit Trockenmilch zu mischen.

Das ist, worauf ich hinaus will: Die kommerzielle Nutzung von Muttermilchersatzprodukten ist fest verwurzelt in der irischen Gesellschaft und Tradition. Jahrzehntelang war Milchersatz die Lösung für berufstätige Frauen. Sie mussten nicht länger zu Hause bleiben und allein Verantwortung für die Ernährung des Babys tragen. Es ermöglichte ihnen Unabhängigkeit.

Dazu kommt der Einfluss der römisch-katholischen Kirche. Der Markt für Muttermilchersatzprodukte ist in Irland ein Wirtschaftszweig mit einem Jahresumsatz von 60 Milliarden Euro, der 13% des weltweiten Bedarfs deckt. Auch die katholische Kirche ist eine milliardenschwere Organisation. In einer Studie aus dem Jahr 2016 wurde ein negativer Zusammenhang zwischen dem Anteil der Katholiken und der Quote der Stillanfängerinnen in westlichen Ländern festgestellt. Dieser Zusammenhang war bei landesinternen Daten für Irland, Frankreich, Großbritannien und Kanada konsistent.

Trotz intensiver Suche habe ich keinen Vergleich der finnischen Geburts- und Kinderkliniken mit denen in Irland finden können. Die Betreuung wird dort offenbar weitgehend dem Hausarzt, der ambulanten Krankenschwester oder zunächst der Hebamme überlassen. Der Großteil der Verantwortung für das Wohlergehen des Kindes liegt bei der Mutter, ebenso wie die Entscheidung, sich bei Bedarf an einen privaten Berater zu wenden.

Obwohl beide Länder nun das von der WHO gesetzte Ziel einer Rate von 80% an gestillten Babys anstreben, gibt es noch viel zu tun. Aber Finnland ist ein großartiges Beispiel dafür, was Politik und kontinuierliche Bemühungen bewirken können: In den 1960er und 70er Jahren, als kommerzielle Muttermilchersatzprodukte immer beliebter und verfügbarer wurden, waren die nationalen Stillempfehlungen so kurz wie nie zuvor. Zu diesem Ergebnis trugen auch die Verstädterung, der Eintritt der Frauen in das Berufsleben und der kurze Mutterschaftsurlaub bei. Sie brachten eine eher stillfeindliche Kultur mit sich, wie wir sie heute in Irland beobachten können.

Ende der 1970er Jahre begann sich dies jedoch durch einige politische Entscheidungen zu ändern. Finnische Mütter erhielten einen längeren Mutterschaftsurlaub und die Sozialleistungen für Familien wurden verbessert. Baby- und familienfreundliche Krankenhausinitiativen wurden eingeführt, z. B. dass Mütter ihr Baby rund um die Uhr in ihrer Nähe haben durften. Auch der sofortige Hautkontakt direkt nach der Geburt hat dazu beigetragen: Immer mehr Mütter möchten ausschließlich stillen. Das zeigt, dass sich all diese Maßnahmen auf das Stillen ausgewirkt haben.

Heute verfügt jedes Krankenhaus in Finnland über eine Spendermilchbank. In Irland gibt es, soweit ich weiß, eine Milchbank in Nordirland, die alle Neugeborenenstationen in der Republik versorgt.

Bestehende Strukturen fördern oder verhindern das Stillen

Während Finnland ein sozialdemokratischer Wohlfahrtsstaat ist, in dem viele soziale Schutzmaßnahmen (einschließlich einer Vielzahl von Familienunterstützungsprogrammen) für alle berechtigten Bürger bereitgestellt werden, ist Irland ein eher konservativer oder unternehmerorientierter Wohlfahrtsstaat. Es gibt gewisse soziale Förderungen für Mütter, aber weniger Leistungen für alle Bürger. Stillende Mütter haben zum Beispiel Anspruch auf Stillpausen am Arbeitsplatz und entsprechende Einrichtungen oder eine Reduzierung der Arbeitszeit um eine Stunde pro Tag (ohne Lohneinbußen) für bis zu 26 Wochen. Der Mutterschaftsurlaub beträgt 26 Wochen. Dieses Gesetz fördert die reproduktive Arbeit von Frauen, die von der produktiven Arbeit getrennt ist. Es ist ein Gesetz für Menschen, die nicht arbeiten.

Finnische Mütter haben hingegen vier Monate Mutterschaftsurlaub und anschließend sechs Monate Elternzeit. Bei Bedarf oder auf Wunsch kann die Elternzeit verlängert werden, bis das Baby drei Jahre alt wird. Das ist eine beträchtliche Zeit, die man mit seinem Kind verbringen kann. Aber trotz dieser Möglichkeiten kann nicht jedes Elternteil zu Hause bleiben, selbst wenn es das gern möchte.

Die meisten irischen Mütter, die mit dem Stillen aufhören, tun dies heute zwischen zwei und sechs Wochen nach der Geburt. Das ist die Zeit der Wachstumsschübe des Babys, wobei ein normales Neugeborenes etwa 8- bis 10-mal am Tag, plus ein paar über Nacht gestillt wird. Das ist ganz normal: Das Baby wird hungrig und wahrscheinlich quengelig. Vergleicht man dieses Alter mit einem Teenager wird man feststellen, dass sich beide gar nicht so sehr unterscheiden: Beide wollen viel essen und sind launisch! Wenn man nicht weiß, dass das normal ist, wäre die andere logische Schlussfolgerung, dass das Baby so viel isst, weil die Mutter zu wenig Milch hat. Irischen Eltern fehlt es an Aufklärung über das normale Verhalten von Neugeborenen - Aufklärung, die in Finnland durch die Geburts- und Babykliniken vermittelt wird. Häufiges Füttern, Aufwachen, Spucken, Quengeln... alles völlig normale Verhaltensweisen. Für viele Mütter sind das jedoch Gründe, mit dem Stillen aufzuhören, weil sie glauben, dass mit ihnen oder dem Baby etwas nicht stimmt.

Viele Frauen in Irland nehmen heute zusätzliche Unterstützung in Anspruch. 'La Leche League', 'Cuidiú' und 'Friends of Breastfeeding' sowie IBCLC-zertifizierte Beraterinnen sind nur einige Beispiele für verfügbare Hilfe. Allerdings gibt es in ganz Irland nur 80 private Beraterinnen. Im Jahr 2020 gab es landesweit über 55.000 Geburten. Das ist kein gutes Verhältnis.

Als Familien noch aus mehreren Generationen bestanden, die in einem Haushalt lebten, war familiäre Unterstützung eine Selbstverständlichkeit. Frauen unterhielten sich über das Stillen. Heute erfüllen Stillberaterinnen diesen Zweck. In der Zwischenzeit scheint die irische Regierung den 'Breastfeeding Action Plan 2016 - 2021' nicht weiterzuführen.

Bleiben wir realistisch

Nicht alle Frauen können stillen. Eine schwere Krankheit oder Infektion kann sie beispielsweise daran hindern. Bestimmte Medikamente oder eine Strahlentherapie oder eine postpartale Depression können Frauen am Stillen hindern. Wir müssen über diese Dinge sprechen. Stillen nützt der Gesellschaft, nicht nur Mutter und Kind - und es geht um so viel mehr als nur um die Milch. Es geht um eine lebende Substanz, deren Zusammensetzung sich je nach Tageszeit und Beginn und Ende der Fütterung ändert, und die auf die Bedürfnisse des Babys zugeschnitten ist. Stillen ist auch deine Erfahrung, die Erfahrung deines Babys und die Geschichte der Gesellschaft. Und die Geschichte ist so sehr mit dem Stillen verwoben, dass es unfassbar ist, dass wir nicht mehr über das Stillen sprechen.

Wir reden nicht darüber, und wir haben das Stillen sexualisiert. Mütter schämen sich jetzt oder fühlen sich unwohl, wenn sie ihr Kind in der Öffentlichkeit stillen. Frauen werden nervös - wenn sie ihr Kind füttern.

Und was das Thema Kinderernährung angeht, so haben die meisten Länder noch einen weiten Weg vor sich, um die Stillziele zu erreichen. Während Finnland wohl besser abschneidet als Irland, sind beide Länder noch weit von dem WHO-Ziel entfernt, nach dem 80% der Babys ausschließlich gestillt werden sollen. Aber dieses Ziel ist erreichbar. Das finnische Beispiel des kulturellen und politischen Willens, Frauen das Stillen zu ermöglichen, wenn sie es wollen, hat sich bewährt. Jetzt können wir nur hoffen, dass die irische Regierung den politischen Willen aufbringt, Änderungen vorzunehmen. Diese könnten sich in einigen Jahrzehnten auf die Mütter auswirken - denn Stillen ist ein Prozess. Deshalb ist es wichtig, die bestehenden Barrieren zu überwinden, die in Irland in den letzten 200 Jahren rund um das Stillen errichtet wurden.

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